Freitag, 25. März 2011

Unica

In meinem letzten Job, in dem es um die Recherche zu Biografien deutscher Schriftstellerinnen der Nachkriegszeit ging, traf ich auf eine ganz besonders faszinierende Frau: Unica Zürn.
Sie wurde 1916 in Berlin-Grunewald geboren, war eine deutsche Schriftstellerin und Zeichnerin und die spätere Lebensgefährtin von Hans Bellmer.
Zunächst übte sie nach dem Besuch eines Gymnasiums in Berlin von 1934 – 1942 verschiedene Berufe (Sekretärin, Archivarin, Cutterin, Dramaturgin für Werbefilme) bei der UFA aus, bis zu ihrer Heirat im Jahre 1942. Aus dieser Ehe gingen zwei Kinder hervor, die bei der Scheidung 1949 dem Vater zugesprochen wurden. Eine andere Quelle besagt jedoch, dass ihr Ehemann schon 1943 im Krieg gefallen ist. Wie auch immer, für mich interessant wurde es erst, als sie 1953 (mit 37 Jahren) Hans Bellmer kennenlernte. Wichtig noch zu erwähnen ist, dass sie zwischen 1949 bis 1955 ihren Lebensunterhalt mit dem Verfassen von Kurzprosa für Zeitungen verdiente, sowie die Begegnung mit Alexander Camaro im Jahre 1951.
Alexander Camaro, 1901 in Breslau geboren, war ein Maler, Artist und Tänzer, der in dem Künstlerkabarett „Die Badewanne“ in Berlin mitgewirkt hat. „Die Badewanne“ entstand zwischen 1949 und 1950 aus der Gemeinschaft von Lyrikern, Malern, Musikern und Tänzern, für die die gemeinsame materielle Not und der Wunsch nach Erneuerung der Gesellschaft durch künstlerische Mittel den Ausschlag für deren Gründung gab. „Die Badewanne“ gibt einen Hinweis auf praktizierten Surrealismus in Deutschland. Auch Unica verkehrte in den Künstlerkreisen um „Die Badewanne“.

1953 kam es auf einer Vernissage zu einer schicksalhaften Begegnung mit dem in Paris lebenden Künstler Hans Bellmer.

Hans Bellmer, geboren 1902 in Kattowitz, war ein deutscher Bildhauer, Fotograf, Maler und Autor. Er wurde 1923 von seinem verhassten, tyrannischen Vater zur Technischen Hochschule nach Berlin geschickt, widmete sich jedoch dort mehr der Politik und dem Dadaismus. 1938 emigrierte er nach Paris, wo seine Arbeit mehr Beachtung fand.

So wie es viele Künstler nach Berlin gezogen hat, zog es auch viele wieder weg aus Deutschland, da ihre Kunst im Nationalsozialismus als „entartet“ galt. Viele deutsche Surrealisten wie z. B. Max Ernst wanderten nach Frankreich aus.


Unica folgte Hans nach Paris, wo sie in ärmlichen Verhältnissen und auf engen Raum in einem Hotel leben. In Paris war es damals in Künstlerkreisen nicht unüblich, sich monate- oder gar jahrelang in einem Hotelzimmer einzumieten. Dort gingen dann beide ihrem künstlerischen Schaffen nach. In den 12 Jahren, die sie dort wohnten, hingen die wulstigen und verdrehten Gliederpuppen von der Decke und an den Wänden und mitten unter ihnen Unica, wie Hans Bellmers fleischgewordene Puppe...

Anfang der 1960ger Jahre erkrankte Unica an paranoider Schizophrenie und hielt sich seitdem zeitweise in psychiatrischen Kliniken auf.

1965 zogen beide aus dem Hotel aus und bezogen eine moderne und komfortable Wohnung.
Unica versuchte verschiedene Male sich von Hans Bellmer zu trennen und unabhängig zu sein (auch als Künstlerin), kehrte aber immer wieder zu ihm zurück.
Ende 1969 erlitt dieser einen Schlaganfall und blieb halbseitig gelähmt.
Kurz darauf wurde Unica erneut in die Klinik eingewiesen und stand unter dem Einfluss starker Psychopharmaka. Unterdessen erhielt sie einen Trennungsbrief von Bellmer. Im Oktober 1970 wurde sie aus der Klinik beurlaubt und reiste nach Paris zu ihm, wo sie sich einen Tag später mit einem Sturz aus dem Fenster das Leben nahm.

Hans Bellmer starb 1975 vereinsamt in Paris.



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