Donnerstag, 2. September 2010

Kindheitsparadies

Gerade fielen mir ein paar alte Fotos in die Hände aus der Zeit, als die Gärten noch richtige Gärten waren und keine sterilen Rasenflächen mit Terrasse. In den Gärten meiner Kindheit gab es diese großen Rasenflächen noch nicht, höchstens in Form einer kleinen Wiese, die ab und zu mit der Sense gemäht wurde, nein, statt dessen ging man auf schmalen Wegen durch den Garten und rechts und links grünte, blühte und duftete es. Es surrte und summte, die Luft war voll mit Schmetterlingen und Bienen. Es gab aufregende Raupen, Käfer, Spinnen und Libellen. Es gab jede Menge zu Naschen: Stachelbeeren, Johannisbeeren und Erdbeeren. Es gab Obstbäume und Gemüsebeete mit Bohnen, Kartoffeln, Erbsen, Kürbis, Gurken, Rhabarber, Radieschen, Kapuzinerkresse und und und, und das Wissen darüber, was man zusammen pflanzt, damit der Schädlingsbefall möglichst gering bleibt. Es gab in Buchsbaum eingefasste Kräuterbeete mit Petersilie, Schnittlauch, Dill und Liebstöckel. Es gab jede Menge Vögel und deswegen auch Vogelscheuchen im Kirschbaum, von denen sie sich jedoch nicht abschrecken ließen. Es gab geheimnisvolle Pflanzen, vor denen wir Kinder gewarnt wurden, wie Fingerhut und Eisenhut. Angebaut wurden nur einheimische Pflanzen, von Allergien hat man damals kaum etwas, oder sogar noch gar nichts gehört.
Ein Spaziergang durch den Garten war ein sinnliches Erlebnis. Wenn man nach dem Regen in den Garten ging, war die Atmosphäre fast magisch und der Duft der Pflanzen noch intensiver.
Ich bin in einem Dorf in Niedersachsen aufgewachsen. Meine Mutter war eine adrette Hausfrau mit gebügelter Schürze und Stöckelschuhen, die gerne lachte. Ich glaube, das Wort „adrett“ ist speziell für solche Frauen erfunden worden. Mittags stand das Essen pünktlich auf dem Tisch. Mein Vater war meistens geschäftlich unterwegs, hielt sich ansonsten mehr im Hintergrund oder hat hier und da mal ein Machtwort gesprochen. Und wenn man über die Straße ging, gab es noch ein Paradies: ein Park! Ein Park mit riesigen knorrigen, sowie riesigen glatten, geraden Bäumen mit viel Unterholz. Und wir hatten dort einen kleinen Rodelberg und einen Teich. Am Teich war es im Sommer sehr romantisch und im Winter konnte man darauf Schlittschuhlaufen. Man besuchte auch die Nachbarn und streifte dort durch die Gärten. Es gab dann meistens selbstgemachten Kuchen und Limonade. Ach, was für eine heile Welt! In meiner Grundschulzeit kam dann diese Mode mit den sterilen Gärten auf. Alle Beete wurden niedergemacht, die Obstbäume wurden abgehackt und Blumen auf ein Rosenbeet an der Terrasse reduziert. Obst und Gemüse kaufte man von da an im Supermarkt. Übrig blieb ein ödes Stück Rasenland mit ein paar Friedhofskoniferen drum herum und samstags mähten alle Nachbarn zur gleichen Zeit den Rasen. Zum Glück haben sich heutzutage einige Gartenbesitzer zurückbesonnen und wieder die Natur in den Garten gelassen, die anderen gehören „gartenenteignet“!
Den Park gibt es noch. Allerdings wurde der schöne Teich mit einem Zaun eingefasst und das Wasser ist einem Moor gewichen.


1 Kommentar:

  1. Der Text ist wirklich sehr schön,beim lesen konnte Ich direkt eintauchen,nicht in den Teich,nein,...:)

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